Können Gefühle „falsch“ sein?

Können Gefühle „falsch“ sein?

Meine Tageszeitung hat seit einiger Zeit eine lose Reihe unter dem Titel „Das falsche Gefühl“. Dabei geht es in jeder Folge eine Doppelseite lang um ein Gefühl, das „negativ besetzt“ ist, sprich, das keiner haben will, weil unangenehm. Heute geht’s um das Nachtragendsein, Nicht-Verzeihen-Wollen (oder können?), die Lust auf Vergeltung.

Die Artikel sind recht interessant zu lesen, auch gibt es jedes Mal eine kurze wissenschaftliche Betrachtung des jeweiligen Phänomens – soweit so gut. Doch – mich stört der Titel!

Wie kann ein Gefühl „falsch“ sein?

Gefühle sind einfach da. Sie kündigen sich nicht an, fragen nicht, ob sie mal kurz reinkommen dürfen, sondern stürmen mehr oder minder heftig zur Tür rein. Bums, dann sind sie da, und zwar mitunter blitzschnell.

Manchmal kommen sie auch, wenn grad keiner zuhause ist. Dann sitzen sie unbeachtet in der Ecke und werden nicht wahrgenommen.

Und da es sie gibt, einfach so und sie einfach so reinschneien, ganz ohne Einladung, können sie weder falsch noch richtig sein. Denn sie wissen, dass sie wichtig sind und dass wir Menschen sie brauchen. Auch die Gefühle, die sich nicht so toll anfühlen. Gefühle sind nämlich ein toller Kompass. Sie machen uns aufmerksam auf das, was ist. Und sie sind nie falsch. Das ist mir so wichtig, dass ich will, dass das jeder versteht. Damit zum Beispiel niemand Kindern, die meist noch einen sehr engen Draht zu ihren Gefühlen haben, einredet, dass das, was sie da gerade fühlen, falsch ist. Wer seinen Draht zu seinen Gefühlen behält, wer weiß, dass er sich auf seine Gefühle, seine Intuition verlassen kann, ist später (auch schon als Kind!) besser vor Gefahren geschützt.

Nimm deine Gefühle wahr und ernst!

Wenn sich etwas mulmig anfühlt, eklig oder angsteinflößend, was tue ich dann? Na? Ja klar, ich versuche, mich aus der Situation (wahlweise zu ersetzen durch „von der Person“) zu distanzieren. Und wenn sich etwas richtig gut anfühlt, mich glücklich macht und leicht, dann kann ich Vertrauen fassen und mich auf eine Situation (klar, wahlweise zu ersetzen durch „eine Person) weiter einlassen. Ist das nicht wunderbar? Wenn der Kontakt zu meinen Gefühlen verloren gegangen ist, weil mir zum Beispiel von außen zuviel dreingeredet wurde, dann fehlt mir diese Warn- beziehungsweise Motivationsfunktion.

Ich finde, unsere Gefühle sind eine tolle Einrichtung der Natur. Ob schön oder weniger schön. Und in Coaching oder Therapie kann man viel Zeit darauf verwenden, sich um seine Gefühle zu kümmern. Die einen können lernen, ihre Gefühle besser zu bändigen, wenn es hoch her geht. (Wutanfälle sind selten adäquat!) Und fast noch häufiger  geht es darum, erstmal wahrzunehmen, welches Gefühl denn da gerade Platz genommen hat. Damit man lernt, zuhause zu sein, wenn die Gefühle sich zeigen. Und man nicht auf diesen wertvollen Kompass verzichten muss. Und so ein reicheres Leben führt.

Die Sache mit dem Wert

Die Sache mit dem Wert

Meine heutigen Gedanken beschäftigen sich einmal nicht mit Coaching oder Themen aus dem Coachingumfeld. Sondern:

Immer öfter begegnen mir im weltweiten Netz der Möglichkeiten tolle Angebote für alles mögliche, Bücher, Anleitungen, Seminare, Webinare, Schulungen….ach ich weiß gar nicht was noch alles, deren Kauf mir durch sensationelle Preisnachlässe schmackhaft gemacht werden soll. Also, zumindest ich finde Preisnachlässe von mehreren tausend Euro Anfangspreis runter auf mickrige unter 100 Euro ziemlich sensationell. Da heißt es dann immer: „Dieses E-Book, Seminar, Webinar, bla bla bla hat einen Wert von xy-Tausend Euro. UNSER Preis dafür liegt bei xyz Euro, normalerweise. Denn, wie verrückt ist das denn…heute und nur für die nächsten 24 Stunden bekommst du das Ganze für sensationelle 95,97 Euro.“

Wow!

Und damit nicht genug, zusätzlich bekomme ich noch diesen Leitfaden oder jene zwölf ganz geheimen Tipps – und die gebe ich sonst wirklich niemandem – die mein Leben leichter machen – ach was sage ich, die mein Leben komplett verändern werden. Doppel-Wow!! Ich bin geplättet. Und wenn ich jetzt nicht kaufe, bin ich dumm!

Ja, wie verrückt IST das denn?

Anders gefragt: Wer ist hier verrückt? Der Interessent, der nicht spätestens jetzt beherzt zugreift? Der Anbieter, der seine „wertvolle Ware“ so unter „Wert“ verschleudert? Das wirft doch spätestens jetzt die Frage auf, was ist denn eigentlich „Wert“? Wie komme ich dazu etwas mit einem „Wert“ zu belegen, den ich nicht belegen kann? Ich hab’s mal so gelernt – und die Kunst ist da ein super Beispiel – etwas ist soviel wert, wie ein Käufer bereit ist, dafür zu bezahlen. Deshalb werden Bilder von van Gogh so hoch gehandelt. Weil es Menschen gibt, die bereit sind, schwindelerregende Summen für ein bisschen Ölfarbe, Leinwand und Holz hinzublättern. (Sorry, Herr van Gogh, ich habe jetzt als Gegenwert mal das reine Material aufgezählt, es kommen natürlich nicht nur Ihre Arbeitsstunden hinzu, sondern auch Ihr Talent, Ihre Gabe so wundervolle Gemälde geschaffen zu haben.) Trotzdem, wenn niemand bereit wäre, für ein Bild mit Sonnenblumen Millionen zu berappen, wären sie das auch nicht wert. Und gerade van Gogh hat diese bittere Erfahrung ein Leben lang gemacht. Er hat den Verkauf seiner Bilder nämlich nicht mehr erlebt. Kein einziges hat er selbst verkauft. Traurig, aber das ist eine andere Geschichte und ich schweife ab.

Es geht mir hier nicht darum, die Preisgestaltung für Leistungen, die online verkauft werden, zu bekritteln. Wer den gewünschten Preis erzielt und Kunden findet – dessen Kunden ist die Sache dann auch den Preis wert. Aber angebliche Preisnachlässe von mehreren hundert oder gar tausend Euro? Hmm, ich werde da skeptisch.

Also, zurück zu unseren tollen und unwiderstehlichen Angeboten irre wertvoller Dienstleistungen, die ich, wenn ich nur zum richtigen Zeitpunkt zuschlage, als Schnäppchen ergattern kann. Ist schon mal ein einziges dieser Angebote zum ausgelobten „Wert“ verkauft worden? Oder gehen die eigentlich alle immer nur zum Super-duper-Sonderpreis über den Tisch des Herrn? Der – hoffentlich – von Anfang an so kalkuliert ist, dass der Anbieter auf seine Kosten kommt. Und Gewinn erwirtschaftet. Also, was soll das Ganze mit dem „Wert“, den die Dinge angeblich haben? Ich weiß, dass das Marketing ist. Und dass das unsere „Geiz-ist-geil-Mentalität“ bedient. Aber ganz ehrlich, muss das sein?

 

Wie geht streiten?

Wie geht streiten?

Ich muss gestehen, ich bin ein Harmonium. Ich mag es, wenn alle sich vertragen, man nett zueinander ist und eine gute Stimmung herrscht. Konflikten und schlechter Stimmung würde ich am liebsten aus dem Weg gehen.

Geht aber nicht immer. Und auch nach über fünfzig Lebensjahren, einer Coachingausbildung und einer Therapieausbildung habe ich noch nicht gelernt, Konflikte zu lieben. So etwas soll es ja geben. Es ist für mich immer noch ein ständiges Lernfeld, mit Konflikten umzugehen. Und zwar am besten so, dass möglichst niemand beschädigt wird.

Eines der wichtigsten Learnings war es für mich, bei der Ansprache und Klärung von Konflikten von mir auszugehen und bei mir zu bleiben.

Das heißt, ich spreche einen Konflikt an, indem ich von mir spreche und nicht davon, was der andere angeblich alles falsch gemacht hat.

Sich an diese Regel zu halten, ist meiner Meinung nach der einzige Weg zu einer Lösung.

Ich habe etwas bemerkt, wahrgenommen, so und so aufgefasst und empfunden und das hat es bei mir ausgelöst.

Dann hat der andere die Chance, seine Sichtweise darzustellen, ohne sein Gesicht verloren zu haben, weil er nicht angeschuldigt wurde. Seit ich diesen Grundsatz beherzige, fällt es mir viel leichter, Konflikte überhaupt anzusprechen. Mit dem Ergebnis, dass ich dabei schon so manche Überraschung erlebt habe. Dem anderen war gar nicht bewusst, was sein Handeln bei mir ausgelöst hat, er hatte ganz andere Absichten etc.

Ich kann ja auch nicht von allen Mitmenschen verlangen, dass sie meine wunden Punkte kennen.

Und noch was: Wenn ich über meine Verletzung spreche, lerne ich ganz nebenbei auch mich selbst immer besser kennen. Kann meine wunden Punkte besser benennen und einordnen.

Nicht jeder Konflikt ist lösbar

Es gibt natürlich auch Konflikte, die können nur schwer gelöst werden. Dann ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, darüber zu sprechen. Es ist gut, zu wissen, wie mein Gegenüber über ein Thema denkt und wie es ihm damit geht – und umgekehrt. Auch wenn wir das Thema kaum aus dem Weg räumen können. Man kann mit einer Konfliktsituation auch leben, ohne dass sie endgültig geklärt wird.

Ein Beispiel dafür aus dem Alltag: Bei einem Team das ich in einer Teamentwicklung begleitet habe, gab es den Konflikt, dass einige MitarbeiterInnen flexiblere Arbeitszeiten hatten als andere. Das lag daran, dass sie kleine Kinder hatten und es hin und wieder notwendig war, früher gehen zu können, später zu kommen oder einmal ganz zu Hause zu bleiben und von dort zu arbeiten. Alle haben darauf Rücksicht genommen. Trotzdem hat das bei kinderlosen KollegInnen dazu geführt, dass sie das Gefühl hatten, diese Flexiblität werde auf ihrem Rücken ausgelebt. Was man streng genommen auch so sehen konnte. Früher zu gehen wegen eines Friseur- oder Arzttermins wurde nämlich eher nicht gestattet. Sich darüber im Workshop einmal auszutauschen, ohne, dass sich in der Arbeitsorganisation dadurch etwas geändert hätte, hat allen Beteiligten gut getan. Die Kinderlosen fühlten sich stärker gesehen und die KollegInnen mit Kindern konnten ihre Dankbarkeit zeigen.

Manchmal muss man Schwein sein, um nicht das arme Schwein zu sein

Auch zu wissen, dass wir aus Konflikten nicht mit weißer Weste und reinem Herzen herauskommen, ist eine Erkenntnis, die mir sehr hilft. Wenn ich meinen Standpunkt vertrete, kann es sein, dass jemand anderer sich dadurch eingeschränkt, verletzt oder sonstwas fühlt. Manchmal muss man das in Kauf nehmen. Man kann es nicht allen recht machen, wenn man sich nicht selbst vergessen will. Da bleibt nur eines: immer wieder verhandeln. Das ist zwar anstrengend, aber es lohnt sich. Und meiner Harmoniumseele tut das gut.

Wie kann ich Ruhe herstellen?

Wie kann ich Ruhe herstellen?

Ein Plädoyer für die Zufriedenheit

Neulich habe ich einen interessanten Beitrag im Radio gehört. Schon der Titel machte neugierig: „Wie wir lernten, die Unruhe zu lieben“. Wie bitte? Wer liebt denn Unruhe? Sehnen wir uns nicht ständig nach Ruhe? Besuchen Yogakurse, lernen meditieren und suchen die Einsamkeit, um endlich mal Ruhe zu haben.

In dem Beitrag wurde der Kieler Kulturphilosoph und Autor Ralf Konersman interviewt und er stellte die These auf, dass wir Menschen die Ruhe, die Muße und Andacht (ja, diese Worte verwendet er!) mit Aufkommen der protestantischen Arbeitsmoral verlernt haben. Für unsere heutige Zeit machte er aber noch einen weiteren Aspekt aus, der unsere (innere) Unruhe befeuert: Unser beständiges Streben danach, das Beste aus uns herauszuholen, der „zu werden, der wir sind“ (das ist ja nichts Neues, hat schon Nietzsche postuliert), uns nicht zufrieden zu geben mit dem, was schon ist.

Natürlich möchte ich mich weiterentwickeln und nicht nur unter dem Stichwort des lebenslangen Lernens, möchte noch neue Dinge kennenlernen und ausprobieren, entdecken, was noch so alles in mir steckt und was davon ich noch zum Vorschein bringen kann. Aber ist an Konersmans These nicht trotzdem etwas dran? Wenn ich ständig darauf schiele, was ich noch alles aus mir „herausholen“ könnte, noch mehr Potenziale entdecke und entwickle, das Gute stets noch besser machen will, löst das nicht eine ganze Menge Stress aus? Und Unzufriedenheit?

Entwickle ich dann nicht das Gefühl, nie zu genügen? Nie richtig zu sein?

Ich habe keine endgültigen Antworten auf diese Fragen. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, das Tempo rauszunehmen. Zufrieden zu sein, auch mit den Einschränkungen, die das Leben mir präsentiert. Damit, dass ich nicht (mehr) alles erreichen kann, was mir vorschwebt und vor allem nicht alles auf einmal. Erkennen, dass das Leben jetzt stattfindet und nicht in einer entfernten Zukunft. Weg von der Denke „erst, wenn ich das und das noch erreicht, geschafft, errungen habe, ist es richtig gut“. Ich übe mich darin seit geraumer Zeit und dabei helfen mir drei einfache aber sehr wirkungsvolle Worte: Ich. Jetzt. Hier.

Ich. Jetzt. Hier. Mehr geht jetzt nicht. Alles gut.

Ab und zu, wenn ich mich dabei erwische, dass ich gerade schon wieder die nächsten zehn Schritte plane, während noch nicht einmal der erste getan ist, sage ich mir diese Formel auf und bin wieder fokussiert. Sensationell wie einfach das ist!

Wer das Radiointerview nachhören will, hier ist der Link zum Podcast:

http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-neugier-genuegt-redezeit/audio-wie-wir-lernten-die-unruhe-zu-lieben-100.html

Hut ab!

Hut ab!

Lust auf was Neues!?

Och, nöh, lieber nicht! Wer hat schon Lust auf Veränderung? Also, von Luftveränderung, neuem Outfit, neuen Möbeln oder so mal abgesehen. Doch klar, auch auf eine neue Herausforderung, einen neuen Job, ein neues Hobby, ja, darauf lassen wir uns ab und an ganz gerne mal ein. Aber seien wir ehrlich, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und Lust auf Veränderung seiner selbst, na, die ist doch wohl eher weniger verbreitet.

Und dafür kommt auch kein Mensch ins Coaching. Hab ich jedenfalls noch nicht erlebt. Mir hat bisher noch kein Klient gesagt, er würde gerne etwas an sich ändern und bräuchte dabei etwas Unterstützung.

Dass ich etwas an mir selbst ändern muss, wenn ich das, was mich stört ändern will, ist in der Regel eine im Coaching mit mehr oder weniger viel Mühe erarbeitete Einsicht.

Es erfordert die Bereitschaft zur Reflexion und das Erkennen, dass ich leider nicht „die anderen“ ändern kann. Das kann manchmal ganz schön schmerzhaft sein. Deshalb breche ich heute mal eine Lanze für die Menschen, die zum Coach, zum Berater oder zum Therapeuten gehen, um sich auf das Abenteuer Veränderung einzulassen (auch wenn sie ihr Anliegen nicht so vortragen) und sage:

Hut ab! Sich selbst, sein geliebtes, gelerntes Verhalten zu ändern ist eine der schwierigsten Aufgaben, denen wir uns stellen können!

Sich zu verändern erfordert Mut, Hingabe, Übung. Und immer wieder Übung. Dass ich als Coach da viele Ideen habe, wie man das machen kann, geschenkt. Darum soll es hier heute nicht gehen. Vielmehr darum:

Ich habe Hochachtung vor meinen Klienten.

Das musste jetzt mal gesagt werden.

Bekennerschreiben

Bekennerschreiben

Ich bekenne mich. Ich bin ein Normalo.

Ich ernähre mich nicht vegan, ja noch nicht einmal vegetarisch. Ich esse hin und wieder gerne ein Stück Fleisch und liebe Wurst. Und Käse. Ich gucke Trash-TV, um mich zu entspannen und what’s-appe darüber synchron mit meiner Freundin. Und amüsiere mich dabei köstlich.

Ich bin manchmal wütend auf meine Kinder, streite mit meinem Partner, versöhne mich wieder und habe Fehler in der Erziehung gemacht. Auch in der meines Hundes.

Früher haben wir uns gegen jegliches Schubladendenken gewehrt. Heute springen alle freiwillig hinein, solange es irgendwie trendy klingt.

Nein, ich bin kein Scanner und weder vielbegabt noch hochsensibel. Ich gehe gerne ins Museum und ins Stadion. Ich lese leidenschaftlich gern, von anspruchsvoll bis Gala (die allerdings nur beim Zahnarzt/Frisör/Frauenarzt, dafür will man schließlich kein Geld ausgeben). Ich lebe nicht meinen Traum und träume nicht mein Leben, sondern gehe morgens mit dem Hund und sitze anschließend am Schreibtisch. Ich schwätze gern mit meiner 88-jährigen Nachbarin, die soo fit in Kopf und Körper bin, dass ich mir wünsche, auch mal so eine Oma zu werden. Ich schwätze genauso gern mit meinem Schwiegervater, der mir wegen seiner Demenz nicht mehr mit Worten, sondern nur noch mit Blicken antworten kann.

Was soll der Hype?

Ich versuche einen Beitrag zu leisten. Ich kaufe Bio-Weidemilch in der Hoffnung, dass die Kühe, die mir diese Milch geben, ein halbwegs anständiges Leben haben. Ich kaufe Bio-Freiland-Eier in der Hoffnung, den legenden Hühnern geht es gut. Ich trenne meinen Müll obwohl ich das manchmal ätzend anstrengend finde. Und manchmal schmeiße ich den Kram einfach in den Restmüll.  Ab und an esse ich eine Currywurst mit Fritten. Ich versuche, mich anständig meinen Mitmenschen gegenüber zu verhalten, quatsche mit der Kassiererin an der Supermarktkasse und räume die Hinterlassenschaften meines Hundes weg. Und manchmal lasse ich mich von meinem Nachbarn provozieren, der mich beschimpft, weil er glaubt, ich habe ihm den Parkplatz weggenommen.

Ich stehe jeglichen Hypes höchst skeptisch gegenüber. Und siehe da, die meisten legen sich auch irgendwann wieder.

Fazit: Ich bin ein ganz normaler Mensch, sofern es das überhaupt gibt.

Warum ich das alles aufschreibe? Vielleicht weil ich heute schon wieder einen Artikel über Super Foods gelesen habe und mir dabei gedacht habe, ey Leute, chillt mal eure Base (wie meine Kinder sagen würden)!

 

Was schätze ich, wenn ich Wert schätze?

Was schätze ich, wenn ich Wert schätze?

Mit diesem Blogeintrag nehme ich an Jana Ludolfs Blogparade „Was bedeutet für dich ‚Wertschätzung‘?“ teil. (https://janaludolf.com/2016/07/21/blogparde-wertschaetzung/)

Wertschätzung, eine Vokabel, die sich auf den meisten Coach-Webseiten ganz oben befindet, die uns locker und selbstverständlich über die Lippen kommt, etwas, das jedem zusteht, das sich jeder wünscht, nicht jeder bekommt und mancher nicht weiß, wie er sie geben soll. Und manchal auch, was das eigentlich sein soll. Und, wie ich finde, eine Vokabel, die zurzeit etwas inflationär gebraucht wird. Aber das nur nebenbei.

Ich hatte im letzten Jahr sehr intensiven Kontakt mit dem Thema „Wertschätzung“ als ich in einer großen Organisation an einem großen Projekt zum Thema „Werteorientierte Führung“ als Coach beteiligt war. Mit etwas mehr als siebzig Führungskräften und ihren Teams habe ich unter anderem reflektiert, wie es denn da um die Wertschätzung bestellt war. Zunächst habe ich im vertraulichen Vorgespräch der Führungskraft die Gretchenfrage gestellt: „Wie, liebe Führungskraft, halten Sie es denn mit der Wertschätzung?“ Um es vorweg zu nehmen: 99 Prozent aller Befragten legten nach eigenem Bekunden großen Wert (sic!) darauf, ihre Mitarbeiter fühlten sich auch wertgeschätzt. So weit, so schön. Wo die anderen (das restliche ein Prozent) standen, will ich mal beispielhaft an drei Zitaten zeigen:

Zunächst die Zitate:

  1. „Was heißt denn hier Wertschätzung? Die Mitarbeiter liefern einen Wert und ich schätze den!“ (ookee!?)
  2. „Was soll das eigentlich immer mit dieser Wertschätzung? Darf man jetzt seinen Mitarbeitern noch nicht mal mehr sagen, dass sie Schei… abgeliefert haben? Da soll ich dann wohl immer noch ein Schleifchen drum binden, was?“
  3. geht in die gleiche Richtung wie Zitat 2: „Ich höre immer nur Wertschätzung. Da hat man einen Low-Performer* vor sich und soll das dann immer alles gut finden!?“
    *Low-Performer = Personalerdeutsch für „der bringt’s nicht“

Keine Frage, diese Zitate sind mir länger im Kopf geblieben als die der Führungskräfte, wo in der Hinsicht alles in Butter war.

Mal abgesehen von dem, was Zitatgeber Nummer 1 umtreibt, meine Hypothesen dazu würden hier den Rahmen sprengen. Bei 2 und 3 scheint doch ein Verständnis von Wertschätzung vorzuherrschen, das besagt: Wertschätzung und kritisches Feedback passen nicht zusammen. Wertschätzung heißt, ich muss immer alles GANZ TOLL finden.

Ääh, NEIN.

Mein Verständnis von Wertschätzung lautet „lasst uns so miteinander umgehen, dass niemand beschädigt wird“.

So ähnlich steht’s auch schon in der guten alten Bibel…“was du nicht willst, was man dir tut….“. Wenn ich das beherzige, kann ich einem Gegenüber (ob Mitarbeiterin, Freund, Kind, …) auch eine Rückmeldung geben, wenn ich etwas mal nich so dolle fand. Und dabei wertschätzend bleiben. Denn ich erspare dem anderen – und mir – ein „du Idiot“! und sage stattdessen sowas in die Richtung  wie „das Ergebnis entspricht (noch) nicht meinen Erwartungen…hier wünsche ich mir noch eine Nachbesserung“ (lieber Mitarbeiter). Oder: „das, was du da grad gemacht hast, hat mich verletzt, können wir mal darüber reden?“. Ich kann dann auch zum Ausdruck bringen, dass ich jetzt sauer, traurig, wütend bin – je nachdem, was zutrifft. Dann bin ich bei mir und das worüber ich sauer, traurig, wütend bin ist die Sache, über die ich spreche und nicht die andere Person. Kleiner, feiner Unterschied.  Und diese Sache kann auch das Verhalten meines Gegenüber sein. Wenn ich selbst eine Rückmeldung bekomme, die so oder so ähnlich formuliert wird, nämlich nicht als Vorwurf, (siehe oben „du Idiot“), brauche ich nicht in Verteidigung zu gehen. Dann gibt es die Möglichkeit zu einem Gespräch. Und das ist schon mal ein guter Anfang zur Fortsetzung der Beziehung, oder?

Ach ja, die Frage der Blogparade lautete ja: „Was bedeutet für dich Wertschätzung?“. Kurz zusammengefasst: Ihr müsst euch nicht immer lieb haben, aber macht euch nicht gegenseitig kaputt!